
Ich weiß, was Sie denken, wenn Sie diese Schlagzeile lesen: „Erdoğan tut es wieder.“ Ein alter Bekannter, nicht wahr? Immer wieder lässt er seinen größten Gegenspieler verhaften, damit niemand ihm gefährlich werden kann. Zuerst Selahattin Demirtaş, den ehemaligen Vorsitzenden der HDP, den er als eine Bedrohung für seine Machtansprüche betrachtete, dann Ekrem İmamoğlu – der Bürgermeister von Istanbul, der bei den kommenden Präsidentschaftswahlen ein ernstzunehmender Rivale für ihn sein könnte. Diese Argumente sind die Lieblingsnarrative, die momentan in westlichen Medien verbreitet werden. In vielen westlichen Berichterstattungen ist die Gelegenheit nun gekommen, sich die Hände zu reiben und Erdoğan nach der Inhaftierung von Ekrem Imamoglu zu kritisieren. Doch es ist wichtig, sich daran zu erinnern, dass wahrer Journalismus nicht nur ein Gleichgewicht aufzeigt, sondern die Fakten respektiert. Ethischer Journalismus verzerrt keine Wahrheit, selbst wenn es um mächtige Akteure geht.
Leider haben wir uns in eine Zeit manövriert, in der sogar die Schuldigen und die Ungerechten verteidigt werden, nur um Erdoğan anzugreifen. Natürlich gibt es viele Dinge, die an Erdoğan zu kritisieren sind – diese Kritik ist längst Teil der öffentlichen Debatte und wird es auch weiterhin bleiben. Doch wir sollten uns immer fragen: Ist die Feindschaft gegen eine Person genug, um uns von Fairness und Objektivität abzubringen?
Wenn jemand ein ungültiges Diplom besitzt und dennoch Bürgermeister wird, sollten wir diese Tatsache ignorieren, nur weil er gegen Erdoğan steht? Wenn eine Person während ihrer Amtszeit als Bürgermeister Korruption im Wert von Millionen begangen hat, sollten wir diese Vergehen übersehen, nur weil sie ein politischer Rivale Erdoğans ist? Wenn ein Bürgermeister in seiner Amtsführung Terrororganisationen unterstützt hat, indem er die Macht seiner Position missbraucht und städtische Ressourcen dafür verwendet hat, sollten wir ihn dann weiterhin verteidigen, nur weil er ein ernsthafter Herausforderer für Erdoğan ist? Sollten wir jemanden entlasten, nur weil er „unser Mann“ ist, auch wenn bewiesen ist, dass er in die Manipulation von Ausschreibungen innerhalb der Stadtverwaltung verwickelt war? Natürlich handelt es sich hierbei lediglich um die Anschuldigungen der Staatsanwaltschaft, und solange diese nicht nachgewiesen sind, kann Ekrem İmamoğlu nicht als schuldig betrachtet werden. Es obliegt uns, das endgültige Urteil des Prozesses in Bezug auf die ihm vorgeworfenen Straftaten abzuwarten.
Wie ich eingangs sagte, sollten wir unser Gewissen und unsere Menschlichkeit nicht verlieren, nur um Erdoğan international schlecht dastehen zu lassen. Wir dürfen uns nicht von der feindlichen Politik gegen eine einzelne Person blenden lassen. Es ist entscheidend, sich nicht nur der politischen Realität, sondern auch der moralischen Verantwortung zu stellen.
Es sollte zudem nicht vergessen werden, dass die Personen, die das gefälschte Diplom von Ekrem İmamoğlu sowie die Korruption innerhalb der Istanbuler Stadtverwaltung bei der Staatsanwaltschaft angezeigt haben, Angeblich aus seiner eigenen Partei, der CHP, stammen. Der innerparteiliche Konflikt innerhalb der Republikanischen Volkspartei (CHP) ist nicht erst seit gestern bekannt. Dieser Machtkampf begann bereits, als der langjährige Vorsitzende der CHP, Kemal Kılıçdaroğlu, durch innerparteiliche Intrigen vom Parteivorsitz verdrängt wurde. Der neue Vorsitzende, Özgür Özel, wurde mit der Unterstützung von Ekrem İmamoğlu gewählt. Im Gegenzug sollte Özgür Özel İmamoğlu als Präsidentschaftskandidaten der Partei für die kommenden Wahlen nominieren. Doch dann, in einer Wendung, die den inneren Konflikt der Partei noch weiter anheizte, sprachen sich wichtige Namen innerhalb der Partei dafür aus, dass İmamoğlu nicht qualifiziert sei, Präsident zu werden. Sie plädierten stattdessen dafür, dass Mansur Yavaş, der Bürgermeister von Ankara, als Präsidentschaftskandidat antreten sollte.
Und hier beginnt der eigentliche innere Konflikt: Auf der einen Seite stehen die Anhänger von Ekrem İmamoğlu, auf der anderen Seite die von Mansur Yavaş. Der Vorsitzende der CHP, Özgür Özel, stellt sich auf die Seite İmamoğlus, was die Partei fast in zwei Lager spaltet. Der letzte Akt dieses Machtkampfes ist Angeblich die Strafanzeige gegen Ekrem İmamoğlu bei der Oberstaatsanwaltschaft von Istanbul und schließlich die Verhaftung von İmamoğlu.
Wie das Gerichtsverfahren letztlich ausgehen wird, weiß ich nicht. Aber die Tatsache, dass diese Angelegenheit erneut in Verbindung mit Erdoğan gebracht wird, ist eine klare Verzerrung der Tatsachen. Journalisten sollten keine Dunkelheit verbreiten, sondern das Licht der Wahrheit erhellen. Es ist die Aufgabe der Presse, objektiv zu berichten, auch wenn die Versuchung groß ist, eine politisch motivierte Erzählung zu verfolgen.
Ein Kommentar von Halil Izmitli